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Whisky-Studienreisen

Leserreise 2013

Whisky-Schiff ahoi!

27 Passagiere, sieben Destillerien und (fast nur) ein Getränk: Unsere diesjährige Leserreise zu den westlichen Hebriden war so schön wie selten: Wann hat man schon mal Gelegenheit, die Whisky-Fässer vom Meer her anzufahren? Ein sehr persönlicher Bericht über ein Insel-Hopping der ganz besonderen Art von Michael Nardelli

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„Sehen Sie es einfach als Studienreise an.“ Ehrlich, ich war schon ein wenig perplex, als mein Chef Christian Rosenberg an meinen Arbeitsplatz kam und mir den aktuellen „Whisky-Botschafter“ auf den Tisch legte. Den kannte ich, das war nicht das Thema. Vielmehr hatte er die Seite mit jenem Inserat aufgeschlagen: „Sailship – Whisky Study Tour, Westliche Hebriden, 06. -13. Juli 2013.“

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 „Wollen Sie mit“. Ich? Um Gottes Willen! Perplex ja. Und sicher auch kreidebleich um die Nase (nur eine Vermutung, ich seh‘ mich ja nicht selber). Ich also mit aufs Segelschiff? Hatte den Job als Chef vom Dienst des „Whisky-Botschafters“ doch gerade erst angefangen. Und dann gleich auf so große Reise? Überhaupt: Ich bin alter Italien-Urlauber. Mag’s gerne warm. Schottland dagegen gilt doch nur als grau und neblig wie Loch Ness. Schließlich die quälende Frage: Blamiere ich mich da nicht? Sicher, ich mag Whisky, großartig beschäftigt habe ich mich aber nie damit. Was sollte ich also auf einem Schiff, das von Destillerie zu Destillerie segelt, mit Menschen, denen beim Thema Whisky keiner was erzählen kann?

Eben drum. Ich schlafe also eine Nacht drüber – und sage dann zu. Regencape und Windjacke kaufe ich mir dann aber auch noch. Es geht ja schließlich nicht nach Italien. Mit wetterfester Kleidung im Gepäck breche ich auf. Ab nach Schottland, rauf aufs Whisky-Schiff.

Tag 1 – Von Troon nach Lochranza (Insel Arran)

Ankunft am Flughafen in Glasgow. Von dort geht es über Land mit dem Taxi zum Schiff. Die Fahrt hat was. Mit dem Rücken in Fahrtrichtung. Ich sehe trotzdem genug – und der Eindruck stimmt: eine herausgeputzte Gegend, nette Häuschen mit viel Garten, satte Wiesen mit Schafen drauf.

Wir erreichen den Hafen von Troon, sind früh dran. Deshalb gehen wir erst mal was essen in der „Oyster Bar“ direkt am Anlege-Platz. Die Languste, die wir bestellen, wird wenige Minuten später frisch angeliefert. Das hat was. Die Bar ist voll. Verdientermaßen. Da kann man wirklich essen. Direkt angrenzend befindet sich ein Imbiss. Dort geht es zu wie am Stachus in München. Kein Wunder auch das, denn hier gibt es alles – vom Hamburger bis Edelfisch zum Mitnehmen. Wir unterhalten uns noch ein wenig mit der Wirtin und gehen dann an Bord. Am Tisch auf dem Mitteldeck stehen bereits – in lustiger Runde – drei Barkeeper aus dem Hesssischen. Sie werden dort, wie sich herausstellen sollte, in den kommenden Tagen noch öfter stehen. Und immer in lustiger Runde. Auch mein Kajüten-Mitbewohner ist schon da. Ich kenne ihn nicht, vom ersten Moment an ist aber klar: Ich habe auch diesbezüglich Glück. Ein freundlicher, angenehmer, rücksichtsvoller Mensch.

Nach und nach trudeln auch die anderen Passagiere ein. Interessant zu beobachten, wie sich das gleich entwickelt. Man muss wissen: Hier treffen sich Menschen, die sich zum großen Teil noch nie im Leben gesehen haben, um eine Woche auf engstem Raum und offener See zusammenzuwohnen. Das scheint aber niemanden zu beunruhigen. Im Gegenteil: Ich habe irgendwie sofort den Eindruck, dass man sich kennt. Ist es das gemeinsame Hobby Whisky, das gleichzeitig ein so besonderes ist?  Mir fallen all diese Menschen sofort positiv auf. Kein Mainstream, schon gar kein Ballermann, dafür Stil und Esprit. Das gefällt mir. Und der erste Eindruck sollte nicht täuschen …

Der Segeltörn beginnt. Veranstalter Christian Rosenberg begrüßt die Passagiere und macht Lust auf die folgenden Tage. Der Kapitän stellt sich und seine Crew vor. Es gibt die obligatorische Einweisung – und den Hinweis darauf, was passieren kann: „Untergehen, Feuer, Mann über Bord.“ Prinzip Hoffnung. Und dann sagt der Kapitän einen Satz, der wie eine Drohung klingt: „Wir sind Holländer.“ Was er damit meint: „Bei uns in Holland werden nur alte Menschen und der König gesiezt.“ Von Anfang an und konsequent also auf Du und Du. Ja, das passt.

Achtung, kreuzender Hirsch!

Dann schippern wir los. Es ist windstill, trotzdem ruft die Crew nach ein paar Minuten zum Segelsetzen. Wider muss man etwas wissen: So ein Segeltörn ist echt ein tolles Gemeinschaftserlebnis. Die sich wildfremden Menschen packen auf du und du sofort an. Natürlich, der eine oder andere kennt sich aus mit dem Segeln, der Arzt aus Norddeutschland beispielsweise. Er zieht gleich kräftig an den Seilen, assistiert von seiner Partnerin. „Ich bin es gewohnt, nur die Hilfsarbeiten zu verrichten“, sagt sie süffisant. Die Mehrzahl der seglerisch Unbedarften bekommt eine kurze Einweisung. Wir lernen, wie man Segel setzt, und Seile richtig festbindet. Und, ja, Seile immer schön rechts rum … Das strengt an. Dass nach einer Stunde aber bereits die Hälfte der Passagiere ein Schläfchen hält, hat damit nichts zu tun. Obwohl: Große Abenteuer machen müde.

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Wir erreichen Lochranza, Isle of Arran. Unsere Einfahrt in den Hafen (natürlich mit wieder eingezogenen Segeln) wird zur Attraktion in dieser ziemlich menschenleeren Gegend. Anwohner und Touristen knipsen, Kinder zeigen mit dem Finger auf die „Thalassa“. „Schau mal Papa!“ Aber nein, wir sind keine Piraten, wir überfallen auch niemand. Wir wollen nur Whisky …

Spät abends ziehen die meisten von uns los. Schon nach wenigen Minuten kommen wir zum Pub des Hotels Lochranza. Hilfe, denke ich mir, denn der Chef hatte an Bord da ein kleines Erlebnis zum Besten gegeben. Er war da schon mal – und als er spät abends rauskam, wäre er fast mit einem Hirschen kollidiert. Die laufen da einfach so auf der Straße rum. Das hält uns natürlich nicht davon ab, trotzdem in diese Pub zu gehen. Wir bringen die Kellnerin hinter der Bar ordentlich auf Trab. So viele Gäste so spät, so ungewohnt. Wir treffen auf nette Menschen. Zwei an der Bar sitzende Schotten erweisen sich als außerordentliche Kenner des deutschen Fußballs. „Ich habe das Kicker-Sonderheft Bundesliga“, erzählt einer stolz. Er heißt, typisch schottisch, Allan.  Zum Beweis seines Spezialwissens stellt er mir die Frage: „Wer hat das erste Bundesliga-Tor geschossen?“ Gerne hätte er mir stolz die Antwort gegeben, doch ich weiß sie selbst: „Timo Konietzka“. Allan ist enttäuscht. Er hat ansonsten die üblichen britischen Deutschkenntnisse: „München, Stuttgart, Oktoberfest, Trinken.“ Yes, man! Ich frage die beiden nach dem ihrer Meinung nach besten Whisky, Kurze Denkpause, dann unisono: „Bruchladdich“. Hmh, steht aber gar nicht auf unserem Programm.

Die beiden verabschieden sich, wir uns bald danach auch. Und tatsächlich, da ist er, im Dunkeln kaum zu erkennen, aber keine Fata Morgana: Der Hirsch, seelenruhig auf der Straße spazierengehend.

Die erste Nacht an Bord. Schon sehr gewöhnungsbedürftig, so eine Kabine direkt neben dem Maschinenraum. Trotzdem gut geschlafen. Und große Vorfreude: Endlich! Der erste Destillerie-Besuch (deswegen sind wir ja hier) steht an. Wir sammeln uns am Oberdeck. Der Chef zählt durch. „Vermisst jemand noch seinen Kabinen-Mitbewohner.“ – „Meine Frau fehlt noch.“ Prompt der Zwischenruf eines Witzboldes: „Jaja, schon seit gestern Abend, was?“ Wir laufen los. 15 Minuten Fußweg direkt am Meer entlang bis zur Arran Distillery. Herrliches Wetter, Wärme. Eine Hirschkuh hält bereits ihr Sonnenbad am Strand ab. Wir laufen wie die Hirsche mitten auf der Straße. Kein Verkehr. Traumhaft. Destillerie in Sicht, umgeben von grünen Wiesen, im Hintergrund Gebirge. Dort wohnen Adler, deshalb auch die Etikette mit diesem Vogel drauf. Leider habe ich Fotografen-Pech: Die Adler von Arran zeigen sich nicht. Auf der Wiese neben der Destillerie stehen zwei kleine Tore, Schafe grasen darauf, was prompt wieder einen Witzbold auf den Plan ruft. „Da schau mal, das schottische National-Team beim Training.“

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Arran ist eine relativ junge Destillerie (Baujahr 1997). Der Destillerie-Manager Gordon empfängt uns freundlich und im Schottenrock. Das hat Stil. Die Destillerie selbst ist sehr kompakt, die gesamte Produktion findet in einem Raum statt. Das Fasslager dürfen wir aber nicht sehen, angeblich aus gesetzlichen Gründen. Das werden wir in den folgenden Tagen noch mehrmals und auch von anderen Destillerien hören. Wirklich nachvollziehbar ist es nicht, vor allem, weil es auch anders geht, wie wir ebenfalls noch erfahren werden… Dafür ist das Tasting gut und großzügig. Es stehen mehrere Whiskys zur Auswahl, jeder darf nach persönlicher Vorliebe auf- und nachfüllen. Nach einem kleinen Lunch spazieren wir, an der pausierenden Hirschkuh vorbei, wieder zurück aufs Schiff.

Tag 2: Von Arran nach Port Ellen

Leinen los! Weiterfahrt nach Port Ellen (Insel Islay). Immerhin fast 80 Seemeilen haben wir vor uns. Wir setzen volle Segel. Es geht an Campbeltown vorbei. Wellengang, Wind- Links taucht ein Seehund auf und ab, immer wieder. Nordirland hebt sich schattenhaft aus dem Meer. Rechts fliegen Möwen in Fünfer-Gruppen in hohem Tempo nur Zentimeter über dem Wasser, die Brandung klatscht gegen massive Felsen. Natur pur. Vorne tauchen bald Jura und Islay auf. Immer noch herrliches Wetter. Wir genießen auf dem Deck die Sonne, setzen uns in kleinen Gruppen und in wechselnder Besetzung zusammen. Der Whisky, den uns die Arran Distillery mitgab, mundet. Selbst am Barkeeper-Tisch auf dem Mitteldeck ist es jetzt ruhig. Es ist ja auch nicht zu später Stunde. Und Bier, Gin Tonic und Whisky zeigen Wirkung.

Währenddessen räuchert der Koch den vormittags selbst geangelten Fisch. Von der angenehmen Wärme in Arran ist bald nichts mehr zu merken, auch wenn die Sonne scheint: Übers T-Shirt wird der Pulli gezogen. Das Schiff beginnt ordentlich zu schwanken. Einigen Passagieren wird prompt mulmig. Eine an Bord befindliche Physio-Therapeutin verteilt Pflaster, die man hinters Ohr klebt. Soll gegen „Seekrankheit“ helfen. Ich liege zu diesem Zeitpunkt aber schon in meiner Kajüte. Lange durchgehalten, am Ende aber doch ein bisschen schwindlig.

Bei der Ankunft in Port Ellensind alle wieder wohlauf. Wir erleben die Insel fast wie das Mittelmeer, Wir gehen erst mal ein Bierchen trinken. Nach dem Abendessen ist es relativ schnell ruhig an Bord. Ausnahme: der (nicht nur) Barkeeper-Tisch. Ich stelle mich dazu. Um Mitternacht überrascht der Koch die Wenigen, die noch wach sind: Er serviert geräucherte Makrelen. Sollte man ja nicht zu viel davon essen (Dünnpfiff-Gefahr!), sind aber trotzdem in wenigen Minuten vertilgt. War lecker!

Im Fasskeller von Bowmore

Morgens wartet der Bus auf uns. Es geht zu Bowmore. Erste Klagen über Sonnenbrand. Wir fahren zirka 20 Minuten über die malerische Insel. Hügel, Wiesen – und immer wieder Schafe. In der Distillery empfängt uns eine Mitarbeiterin namens Jenny. Sie bittet zwei Teilnehmer, die Laphroig-Polos tragen, scherzhaft-eindringlich, doch bitte das Logo abzudecken. Dann reicht sie uns erst mal ein „good Scotish breakfast“: einen Dram. An dieses Frühstück muss man sich gewöhnen, wenn man hier arbeitet. „Training on the job ist der beste Weg diesen Beruf auszuüben. Do it or learn it“, sagt Eddie MacAffer. Der Master Destiller. Mit ihm erleben wir ein echtes Highlight: Es geht, gesetzliche Bestimmungen hin oder her, in den Fasskeller. Dort unten ist es angenehm kühl. Und es riecht angenehm – nach Whisky. Nosing der besonderen Art. Der Master-Destiller lässt sich nicht lumpen: „So, give you an example of taste“. Geschmacksprobe direkt aus dem Fass des Bowmore-Kellers. Two hours old. Zweistündiger Whisky. „See the precous liquid“. Wertvolle Flüssigkeit. In der Tat. Wir können dem Distiller nur zustimmen: „Very good stuff.“ Guter Stoff. Klar wie Wasser. Wir erfahren: Täglich‘ Brot für einen Distiller. Er nimmt täglich drei derartige Drams: morgens, mittags, abends – „und geht trotzdem gerade zur Tür hinaus.“ Alter Schotte! Trotzdem oder gerade drum dürfen wir noch vergleichen: Der Destiller lässt noch was vom 13 Jahre alten Whisky ab. Und vom 16-Jährigen. Insgesamt eine Führung mit Herzblut, zweieinhalb Stunden „Show“.

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Nach der Führung unterhalte ich mich noch mit Mac Affer. Ich will wissen, wie das Leben hier in der Abgeschiedenheit einer Insel ist. Denn keine Frage: Schön ist es hier. „Wir sind 900 Einwohner, die gesamte Insel hat zirka 3.500“, sagt MacAffer. Bevölkerungswachstum gebe es nicht. „Wir lösen das mit Immigration“, entgegne ich. Der Destillerie Manager lacht: „Einwanderer? Wir hatten mal ein paar Slowaken hier, aber nur für kurze Zeit. Sie gingen wieder.“ Arbeit gibt es nur in der Destillerie, Landwirtschaft, Fischerei und ein bisschen in der Gastronomie. „Sonst haben wir nichts. Selbst Konstrukteure oder Mechaniker kommen bei Bedarf vom Festland angereist – wo auch die Jugend von Islay hinzieht.“ Auch die Kinder von MacLachan. Er hat vier. „Alle sind weg“, erzählt er. Die Fröhlichkeit im Fasskeller: spurlos verschwunden. M wirkt in diesem Moment sehr traurig: „Ich habe nur noch meine Frau hier. Und meinen Hund.“ Das ist die andere Seite der schönen Insel: Schön, aber einsam.

Inzwischen ist auch die zweite Besuchergruppe mit der Führung durch– wir wurden aufgeteilt, im Fasskeller wäre es sonst zu eng und, wer weiß, vielleicht auch zu warm geworden. Wir machen den obligatorischen Abstecher ins Visitor Centre. Jeder bekommt noch ein Set mit Bowmore-Whiskys samt Glas mit, bevor uns der Manager von Bowmore zum Lunch einlädt. Seafood. Richtig üppig. Vorher demonstriert uns der Manager aber noch, dass und wie man Austern auch mit Whisky essen kann: „But only a little bit“ Nur ein bisschen Whisky, dann ansetzen und runter damit. Ich schütte natürlich prompt „a little bit more“ Whisky in die Austern-Schale. Die „precious liquid“ läuft runter. Gibt’s eben Seafood mit Whisky. Auch gut …

Wir laufen zurück zur Destillerie, vorbei an einem netten Dorfplätzchen. Hier sitzen nicht, wie ich es aus Südeuropa kenne, die Männer auf den Bänken, sondern unterhaltenderweise ein paar ältere Damen. Die Männer? Nicht zu sehen.

Es reicht nach Torf …

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Weiterfahrt zu Laphroig. Echtes Sommerwetter. Der Kamin dampft, Torfgeruch liegt in der Luft. Man merkt sofort: Torf ist Laphroig. Und umgekehrt. Der Torf wird quasi einzeln von Hand in den Ofen gesteckt. Einzigartig! Der Rauch entsteht hier nicht durch Feuer und Hitze, sondern durch die Feuchtigkeit. Die Führung selbst hat Charme, was an der ebensolchen, typisch schottischen Mitarbeiterin liegt, die uns die Distillery zeigt. Wir probieren „Whisky“, bevor er ins Fass und auf den Torf kommt. Warm. Wässrig. Rauchig. Heftig. Die Mitarbeiterin beendet ihre Ausführungen an jeder Station mit der Frage „Okay, make sense?“ Ja, macht Sinn! „Okay, any questions?“ Nein, keine Frage, aber noch ein lustiges Erlebnis in der Korn-Halle. Die Laphroig-Mitarbeiterin zeigt uns, wie die Gerste mit der Holz-Schaufel gewendet wird, damit sie nicht schimmelt. Sieht gekonnt aus. Alles ganz easy? Einige versuchen sich im Gersten-Wenden. Von wegen ganz easy. Eher unfreiwillig komisch …

Nach der Führung bekommen einige noch ein Zertifikat. Sie sind sogenannte „Friends of Laphroig“. Als solche gehört ihnen ein Stück Whisky-Land auf Islay. Und wer dann schon mal persönlich da ist, bekommt eben eine Urkunde. Gratulation! Im Shop darf noch jeder von uns ein Polo-Shirt mitnehmen, dann müssen wir aber aufbrechen. Ein letzter Zug Torf-Rauch und dann rein in den Bus.

3. Tag: Craighouse/Jura

Es pressiert ein bisschen. Wir müssen zurück nach Port Ellen. Irgendwie sind wir dann auch wieder froh, zurück an Bord zu sein. Zwei Destillerien an einem Tag - Drams inklusive: das macht müde Beine und einen müden Kopf. An Deck ist es daher ruhig. Man sitzt, genießt Fahrtwind und Sonne – und die Whiskys, die wir von Bowmore und Laphroig für unsere Schiffsbar mitbekommen haben. Wir schippern vorbei an Destillerien, die wir freilich nur von der Weite des Meeres aus sehen: Bruchladdich, Ardberg, ….. „Weißt du, ich habe hier Luxus“, erklärt mir ein Schweizer – und konkretisiert: „Den Luxus der Zeit“. Wie wahr! Darauf einen Schluck Whisky. Slainté! Der Schweizer hat in Port Ellen die Flasche eines Whiskys aus einer Destillerie gekauft, die gar nicht auf dem Programm steht. „Ardberg. Corryvreckan. Ich wundere mich. Doch der Schweizer grinst nur: „Das passt schon. Du wirst schon sehen.“

Abendessen zwischen „Busen“

Abends erreichen wir Jura. Hier erleben wir einen weiteren Höhepunkt. Weil die „Thalassa“ zu groß ist für den kleinen Landesteg der Insel, setzen wir ein Stück draußen den Anker. Was für eine Kulisse: Abendessen – erstmals draußen auf dem Mitteldeck – und der Hintergrund wie gemalt: Die beiden „Busen“, Erkennungszeichen der Insel Jura, und daneben der weithin sichtbare Schriftzug der Distillery. Wie gut, dass wir dieses Mal nicht in Versuchung geraten, das Schiff zu verlassen, um ein Pub aufzusuchen. Alle bleiben sitzen. Lange. Es wird schließlich hier auch nicht dunkel. Um  Mitternacht ist es noch fast taghell. Wahnsinn!

Am Morgen werden wir dann mit dem Dingi zur Insel gebracht. Dort erleben wir zum ersten Mal eine Enttäuschung. Sie bahnt sich schon an, als ich vom Steg Richtung Destillerie schlendere. Eine Frau eilt erschrocken, hektisch fast, aus dem Lebensmittel-Laden, als sie uns bemerkt. Sie fragt mich, ob wir denn eine Führung hätten. Als ich bejahe, verschwindet die Dame ganz schnell. Später stellt sich heraus: Sie ist die Mitarbeiterin des Destillerie-Shops – und man hat uns doch tatsächlich vergessen. Keine Führung. Nach minutenlangem Warten kommt die Frau zurück, entschuldigt sich und gewährt uns Zugang zur Destillery. Wir machen uns unseren Rundgang selbst. Das hatte auch was…

Ein Hauch von Lochness

Aber, so schön wie es war, wir wollen dann doch weg. Immerhin: Auch hier bekommen wir noch das ein oder andere Fläschchen mit auf die Weiterreise. Die bietet alles, was das Seglerherz begehrt und auch nicht. Ruhe und Sonne, leichte Brise. Die Mannschaft wird voll gefordert. Segeln mit bis zu 13 Knoten. Und dann wird es richtig heftig. Das Meer brandet auf, das Boot schwankt heftig, die Bullaugen sind schon überspült. Die meisten haben sich mittlerweile schlafen gelegt. Turbulenzen machen seekrank. Ich sehe vorne eine Nebelbank  - und muss dann auch die Segel streichen. So verpasse ich das, was der Schweizer Mitsegler gemeint hatte und weswegen der Ardberg passte. Die Nebelbank, das war die Straße von Corryvreckan zwischen den Inseln Jura und Scarba. Dem Namen nach „Kessel des gefleckten Meeres“. Wohl eher Hexenkessel, denn die Turbulenzen hat der Corryvreckan-Strudel ausgelöst, einer der heftigsten, die es überhaupt gibt. Der kundige Schweizer wusste das. Er hat das Spektakel miterlebt, das mir leider schlafenderweise entging: Flasche Ardberg Corryvreckan bei der Durchfahrt durch den gleichnamigen Strudel öffnen und trinken. Ein bisschen unheimlich soll es gewesen sein, in jedem Fall kalt, sagen die, die dabei waren. Und das Whisky-Glas lief an. Ein Hauch von Lochness. Schade, dass mir der Wellengang davor zu heftig war…

So war ich erst wieder an Deck, als die Sonne schon wieder schien. Kurz vor Oban machten wir dann sozusagen noch ein bisschen Party an Bord. Die hessischen Barkeeper mixten allerlei Cocktails – und sie erfanden vor allem einen Neuen: den „Thalassa“, ein Mix, der auf dem 10-jährigen Laphroig basiert. Kurioserweise rotfarben durch Blueberry. Sehr ungewöhnlich, aber wohlschmeckend. Und so fuhren wir bester Stimmung, alle einen Cocktail oder Whisky in der Hand, im Hafen von Oban ein. Dort sind wir mit unserem Piraten-Schiff wieder die Attraktion. Passanten staunen, fragen, woher wir kommen, wer wir sind. Keine Angst, keine Piraten, nur harmlose Whisky-Touristen.

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Oban selbst erweist sich als Kontrast zum bislang eher ruhig-beschaulichen Insel-Programm. Der Ort ist ein Verkehrsknotenpunkt. Schon bei der Hafeneinfahrt sind rechts, wo sich die Fähre-Rampe befindet, Dudelsack-Klänge zu hören. Es herrscht reger Autoverkehr, Geschäfte, viele schlendernde Menschen. Die Destillerie befindet sich sozusagen mitten im Getümmel, weithin erkennbar am roten Kamin. Über ihr fast schwebend: Das sogenannte Colosseum. Architektonisch nachempfunden dem römischen Original.

4. Tag: Oban

Nächste – und letzte Enttäuschung: Der Destillerie-Besuch bei Oban. Standardmäßiges Abfertigen als Touristen. Die Führerin gibt sich alle Mühe, hält sich aber strikt an die Vorgaben der großen Konzern-Mutter Diageo. Der Dram: ein Centiliter, geradezu peinlich genau abgefüllt mit Pipette. „Das geht eigentlich gar nicht“, findet einer der Mitsegler. Widersprechen will ihm keiner. Im Shop etwas kaufen auch nicht. Und so verlassen wir die Destillerie wieder und gehen lieber in kleinen Gruppen auf Entdeckungstour in der Stadt. Ich entscheide mich mit meinem Kabinen-Mitbewohner dafür, die Fässer von Oban zu suchen. Die, so hatte man uns erzählt, seien aus Platzgründen ausgelagert. Kann schon sein. Unsere Suche blieb jedenfalls erfolglos. Deshalb stiegen wir hoch zum Colosseum und mussten feststellen: Das Colosseum ist gar keins. Nur eine Hülle, ansonsten hügelige Graslandschaft. Immerhin: Schönes Fotomotiv.

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5. Tag Tobermory/Insel Mull

Wir fahren weiter. Tobermory:, Insel Mull. Ein toller Ort, eine familiäre Destillerie. Der Fischer kommt persönlich an Bord. Pubbesuch mit Billard-Spielen. Am anderen Morgen dann ein sehr freundlicher Empfang durch das Manager-Ehepaar. Die blonde schwedische Praktikantin hat sogar extra das schwarze kurze angezogen. Manager Graham ist mit Herz dabei, erzählt von seinem Großvater. Zum Probieren bekommen wir den wunderbar leichten 10-Jährigen und einen 15-Jährigen.

Doch der Renner ist ein frisch abgefüllter 20-Jähriger für 70 Schottische Pfund– so frisch abgefüllt, dass es noch nicht mal Etiketten für die Flaschen gibt: „Die kommen erst in den nächsten Tagen. Ich schick sie ihnen gerne nach“, entschuldigt sich der Manager. Gut, das die meisten darauf nicht bestehen, weil er sonst viel zu tun hätte: Die Nachfrage nach dem 20-Jährigen in der Besuchergruppe ist groß.

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Überhaupt die Nachfrage: Ist es, weil wir alle so geradezu beseelt von dem netten Örtchen, der schnuckeligen, kleinen, sauberen Destillerie und der Herzlichkeit der Menschen hier so beseelt sind und das hier führwahr ein geeigneter Schlusspunkt dieser Reise gewesen wäre? Die Szene im Shop der Tobermory Distillery hat jedenfalls etwas von „letzte Kröten ausgeben“. Der 20-Jährige läuft, wie gesagt, im wahrsten Sinne des Wortes gut, doch auch die leckere Whisky-Schokolade und ebensolche-Marmelade sind schnell ausverkauft. Und so machen wir uns, beschwingt und vollbepackt, wieder auf den Weg zurück zum Schiff. Ich biege nach ein paar Metern noch mit einigen anderen zur Teestube ab. Mein „Summerlove“ genannter Tee ist der Hit: Er blüht. Wirklich wahr. Und so wie er aussieht mit der im kochenden Wasser aufblühenden Mischung so schmeckt er auch: lovely.

Jetzt aber schnell zurück an Bord. Am Hafen machen  wir noch ein Grupenfoto. Und dann auf zur letzten Destillery, zurück aufs Festland: Springbank. Dort wird man es schwer haben, Tobermory zu toppen. Mal sehen. Es wird auf jeden Fall eine lange Fahrt. Es ist zirka 12.30 Uhr Ortszeit. Die Ankunft in Campbeltown ist erst für sieben Uhr (am folgenden Tag!) geplant. Wie gut, dass wir auch von der Tobermory Distillery leckeren Whisky mitbekommen haben…

6. Tag: Campbeltown, Springbank Distillery

Die Nachtfahrt ist ein echtes Erlebnis. Die Route Mull-Campbeltown: mal ein ganzer Abend auf See. Kein Wind. Pünktlich um Mitternacht segeln wir an der Mull auf Kintyre vorbei, sehen die Villa von Ex-Beatle Paul Mc Cartney hinter einem Leuchtturm. Jemand hat eine CD dabei, in der die Hymne McCartneys an seine Insel drauf ist. Wir legen sie ein und singen: Mull of Kintyre….Gänsehaut!

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Die Menschen in Campbeltown sind von einem speziellen Schlag, aber nett und liebenswürdig. Die Destillerie liegt mitten in der Stadt. Genauer gesagt gibt es mittlerweile drei davon. So sehen wir eigentlich eine Destillerie mehr als angekündigt. Ein letzter Abend an Bord, Capitains-Dinner draußen an Deck im T-Shirt. Eine letzte Nacht an Bord. Eigentlich würden wir noch gerne eine Woche weiterschippern. Dann sind wir zurück in Troon. Mit Farbe im Gesicht wie nach einem Karibik-Urlaub. Wir reisen ab mit dem Gefühl, als Fremde gekommen und als Freunde gegangen zu sein …

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