Klicken Sie hier um zur aktuellen Ausgabe zu gelangen

Whisky-Studienreise

Leserreise 2014

Übers Wasser zum Whisky

Das wird sich manche Leserin und mancher Leser dieses Magazins schon gefragt haben: Was „geht da ab“ auf so einer Studienreise, die per Schiff von einer Destillerie zur anderen führt? Geht’s da nur um Whisky? Gibt es da auch mehr zu sehen als nur Bottiche, Brennblasen und Fässer? Lesen Sie nach: Einblicke ins persönliche „Logbuch“ unseres Autors Karl Rudolf.

 tl_files/img/studienreise/2014/Aufmacher_MS_Thalassa.jpg

Das wird ein Jubiläum: Dieser Besuch wird der 60. sein, den ich Schottland abstatte, um dem dortigen Whisky noch näher zu kommen, aber auch um die Kultur und Geschichte dieses Landes weiter zu ergründen. Eine Premiere wird dieser Besuch überdies sein: Erstmals werde ich nicht über die Straßen verschiedene Malt Distilleries ansteuern, sondern übers Meer zu drei schottischen Inseln, einer Halbinsel und nach Nordirland fahren, um Whisky und Whiskey (Irish!) an der Quelle zu probieren und den jeweiligen Ort des Werdens näher in Augenschein zu nehmen. Vorfreude, diese bekanntlich schönste aller Freuden, macht die letzten Tage vor der Abreise schier endlos lang, was aber gut ist für die Vorbereitung…

tl_files/img/studienreise/2014/Reise_Uebersicht.jpg

Schlechte Vorbereitung! Dass auch die im Koffer mitgeführte Kleidung für diesen Törn garantiert zu sommerlich leicht ist, wird uns erst klar, als wir im Hafen von Troon dem Taxi vom Flughafen in Glasgow entsteigen: Es gießt hier in Strömen und ein sehr frischer Wind pfeift uns um die Ohren. Wie wird’s uns erst auf See ergehen? Dass genug Whisky ein Prophylaktikum gegen Erfrierungen sei, glaubt die fürsorgliche (?) Gattin nicht und beschließt stattdessen, im ersten Distillery Shop passende Oberbekleidung zu diesem schottischen Sommerwetter (Juni!!)  zu erstehen. Noch ist einige Zeit bis zum Ablegen und die wird genutzt zum Schlemmen in der nahen Oyster Bar: Hier sind die Vorspeisen vorzüglich, die Fische und Meeresfrüchte kommen fangfrisch und erstklassig zubereitet auf den Tisch. So dürfte es ruhig weitergehen auf dem kulinarischen Weg…

tl_files/img/studienreise/2014/Hartmut_Graebner_Martina_Graebner_Andreas_Martin_Monica_Di Marco_Karl_Rudolf_Luzia_Bruggmann.JPG

Die beiden Repräsentanten des Verlags Die Medienbotschaft, Anna-Katharina & Moritz, begrüßen die Teilnehmer. Das Duo hat die Tour im Vorfeld organisiert und wird als Reiseleitung in den kommenden Tagen dafür sorgen, dass auch überall alles so klappt, wie das geplant war. Dann heißt uns Kapitän Jacob Jan Dam auf seiner „Thalassa“ willkommen. Er stellt sich und seine Crew vor – und eines gleich klar: In seiner und seiner fünfköpfigen Mannschaft Heimat, in den Niederlanden, ist das Du die übliche Anrede. Er ist also nicht etwa der Kaptein oder Mijnheer Dam, sondern einfach Jacob! Sein Steuermann, nein: seine Stuurvrouw heißt Nathalie, der Bootsman Alex; der Koch – hier: Kok – ist übrigens Jacobs Sohn und heißt Jelle, dessen Freundin ist Geeske, die an Bord wie ihre Kollegin Maaike als Gastvrouw tätig ist. Das vertrauliche Du verbindet ab sofort auch alle Reiseteilnehmer zu einer Gruppe, die nur schwerlich noch besser harmonieren könnte. Unsere Reise verspricht eine ebenso lehrreiche wie vergnügliche Tour zu werden.

tl_files/img/studienreise/2014/MS_Thalassa_WiBo_Fahne.JPG tl_files/img/studienreise/2014/Markus_Heinze.JPG

Dass die Passagiere auch mit anpacken sollen an Bord, wenn’s nötig ist, hätte Jacob gar nicht erst erwähnen müssen. Es zeigt sich in den nächsten Tagen, dass auch notorische Landratten neugierig darauf sind zu lernen, wie Segel gesetzt und Seile festgezurrt werden – „immer rechtsrum“, belehrt Nathalie. Die Erfahrenen unter uns packen mit an, um nicht aus der Übung zu kommen, die Sportlichen, weil sie das als Ausgleich für ihre üblichen Übungen sehen, und der Rest vermutlich, um danach guten Gewissens ein dram leeren zu können. Ein dram? Oh ja, die Bord-Bar ist gut bestückt. Es gibt nicht nur Whisky (Jacob macht mit seiner „Thalassa“ häufiger Whiskytouren, und seine Crew hat folglich einschlägige Erfahrungen) und dazu noch ein paar andere Hochprozenter (der Genever ist sehr gut!), es wird auch Bier gezapft und Flaschenwein der Korken entrissen. Der „Bar-Besuch“ ist unkompliziert: Wenn von den beiden Meisjes, die als Gastvrouw für den Service zuständig sind, einmal keine hinterm Tresen steht, bedient sich der Gast eben selbst. Die Zeche wird in die offen ausliegende Liste eingetragen, auf der sämtliche Namen stehen. Vertrauen ist gut – Kontrolle wäre blödsinnig: Wer sich fühlt wie in einer großen Familie, ist ein ehrlicher Zecher. Kaffee in mehreren Varianten kann sich jeder „für umsonst“ am rechts neben der Bar stehenden Automaten selber zubereiten. Oder eben auch vielerlei Tee.

7. Juni: Der erste Landgang führt in eine Bar

Die erste Etappe ist vergleichsweise kurz. Die „Thalassa“ – ein stattlicher, 47 Meter langer Dreimaster mit 800 Quadratmeter Segelfläche und 35 Meter Masthöhe– durchquerte den Firth of Clyde in nordwestlicher Richtung und schippert jetzt nordwärts an der Ostküste von Arran entlang. Bereits am Spätnachmittag – oder ist es früher Abend? Auf einem Schiff kommt einem das Zeitgefühl ganz schnell abhanden! – legen wir im Hafen von Lochranza an. „Lochranza? Da gibt’s doch diese Bar…“ fällt denen ein, die schon mal auf dieser malerischen Insel waren, die auch als „Klein-Schottland“ berühmt ist. Natürlich wird die Bar jenes Hotels besucht, das nach dem kleinen Ort benannt ist. Ein kurzes Stück Fußmarsch und wir entern diese Bar, die sich der sechstgrößten Whiskyauswahl in Schottlands Bars rühmen kann. Auf der Karte sind allein mehr als 400 Malts aufgeführt, der Arran 15 Years Old ist die „Hausmarke“. Es wird spät.

tl_files/img/studienreise/2014/Brennerei_Arran.jpg

Zum Glück hatten wir eine solide Grundlage im Magen gehabt beim ersten Landgang. „Abendessen an Bord“ war schließlich im Programm für jeden Tag angekündigt worden. Und da wir, kaum an Bord, eine Kette gebildet hatten, um gefühlte zwanzig Tonnen just angelieferter Lebensmittel kisten-, korb- oder auch kartonweise unter Deck zu schaffen, kann Jelle aus dem Vollen schöpfen. Das tut er denn auch, assistiert von Geeske, und zeigt dabei nicht nur eine bemerkenswerte Kreativität, sondern auch, dass er sein Handwerk wirklich gelernt hat.

Rein in die Kojen jetzt mit den inzwischen auch Whisky- oder Ale-gefüllten Bäuchen. Der Weg ins Bett wird zwar für jede/n zweite/n Kabinenbewohner/in zur kurzen „Kletterpartie“, dafür bietet aber das obere Bett Blick aufs Meer durchs Bullauge. In jeder Kabine gibt’s eine Dusche und ein Waschbecken, für den Koffer ist Raum unterm unteren Bett und das Wandregal wird mit dem bestückt, was griffbereit sein soll.

Kabinen wie auch Speisesaal nebst (einsehbarer!) Küche liegen im Unterdeck und alle aus der beispielhaft aufmerksamen Crew weisen die Gäste immer wieder darauf hin, dass es angebracht sei, die steile Stiege vom Oberdeck ins Unterdeck tunlichst „im Rückwärtsgang“ hinabzusteigen. Ja, wir werden umsorgt! Das Frühstück pflücken wir uns vom Büffet, das sogar notorischen Morgenmuffeln die Augen aufreißt und auf die Beine hilft. Der zweite Tag beginnt so gut, wie alle folgenden werden.

8. Juni: Rotwild und Rhododendron auf Arran

Lochranza hat um die 200 Einwohner, die in properen Häusern längs der Ringstraße wohnen, die rund um die wunderhübsche Insel Arran führt. Auf jeden Einwohner Lochranzas kommen mindestens fünf Stück Rotwild. Die Vermutung drängt sich bei dem langen „Spaziergang“ vom Hafen zur Arran Distillery auf. Die Tiere äsen fast „griffbereit“ nahe der Straße und fläzen sich sogar im Grün des Golfplatzes, wo sie offenbar ein zusätzliches Handicap für die Spieler bilden – jedenfalls lassen sie sich von jenen überhaupt nicht stören. Ein Kranich oder eben ähnlicher Vogel lässt sich beim morgendlichen Beutezug im nahen Bach von unserer straßenbreit marschierenden Gruppe ebenso wenig stören. Es ist ein kleines Paradies, in dem wir hier sind.

Morgenstund hat dram im Mund! Wir sind nicht die Ersten, die an diesem Sonntagmorgen die Arran Distillery aufsuchen, die nun auch schon seit fast 20 Jahren in Betrieb ist. (Wo ist denn nur die Zeit geblieben?) Der üppig vor diesem pittoresken Bau und in der ganzen Umgebung blühende Rhododendron lässt die ersten Kameras heißlaufen und weckt offenbar in mancher der Damen Pflückgelüste, die (aus naheliegenden Gründen) freilich unterdrückt werden müssen. Manager Campbell Laing himself empfängt und begrüßt uns herzlich und führt pünktlich ab halb elf durch die Destillerie, die jährlich immerhin 750.000 Liter – gemessen in reinem Alkohol! – Whisky erzeugen kann. Es ist eine relativ kurze Führung, weil die gesamte Produktion in nur einem Raum abläuft, aber auch die „Fortgeschrittenen“ in der Gruppe erfahren noch manches an Wissenswertem. Wieder mal bestätigt sich der Satz „Man lernt nie aus!“

Vor der Führung waren wir über Arran theoretisch bereits via Video und praktisch per samples informiert worden. Nach der Führung spaziert Campbell – stilecht im Kilt – mit der Gruppe noch zu der Quelle Loch na Davie, aus der diese Brennerei das gute Wasser bezieht, ohne das ein Whiskymaking nicht möglich wäre. Im kleinen, aber heimeligen Tasting Room haben wir anschließend Gelegenheit, zu verkosten, was jeder probieren will – „As you like it“, hätte Old Shakespeare gesagt. Graham nutzt diese Gunst der Stunde und zeigt die per Designpreis ausgezeichnete Box vor, in der die mittlerweile dritte und wohl letzte Serie der gelungenen Devil’s Punchbowl offeriert wird.

tl_files/img/studienreise/2014/Campbell_Laing_Brennerei_Arran__Isle of Arran.JPG

Nach einem Mittagessen in der Destillerie treten wir, angefüllt mit neuem Wissen und bestrahlt von – für hiesige Verhältnisse – reichlich Sonne, den Rückmarsch zum Hafen an. Wir haben schließlich einen langen Törn vor uns, denn das nächste Ziel ist die nordirische Küste, genauer: Ballycastle. Auf See verjagt ein arger Wind die Sonne und entwickelt sich zu einem Sturm, der schon den Firth auf Clyde peitscht. Wie soll das erst im North Channel werden, der noch weitaus mehr „offene See“ ist? Die ersten Gesichter werden Edamer-gelb und wechseln allmählich ins Grünliche, erste Speisen treten den Rückweg an. „Nein, das wird nichts mehr heute“, befindet Kapitän Jacob und verkündet eine Programmänderung: „Wir fahren heute nur noch bis nach Campbeltown, geh’n dort vor Anker und legen morgen früh um fünf Uhr wieder ab in Richtung Nordirland.“

Auch nicht schlecht! So können wir uns heute schon mal ein Bild von Campbeltown machen, wo wir eigentlich erst freitags anlegen wollten. Die Stadt auf der Halbinsel Kintyre, einst eine Whiskymetropole, zeigt streckenweise deutliche Anzeichen des Verfalls, andererseits wird auch tüchtig renoviert. Die Gruppe, die gemeinsam losmarschiert ist, zerstreut sich irgendwann und irgendwo, der größere Teil landet schließlich im Feathers Inn in der Cross Street am Burnside Square. Das Bier wird, wie das in zahlreichen Pubs Usus ist, eigenfüßig und eigenhändig vom Tresen zum Tisch transportiert und mit dem Zahlen verfahren wir wie an der Bord-Bar: Jeder, der eine Runde für die Runde besorgt, zahlt die auch! Auf der „Thalassa“, indem er die Zeche hinter seinem Namen notiert, im Pub eben cash auf des Wirtes Hand. Die nächste Runde holt und zahlt der Nächste…

9. Juni: Irisches Zwischenspiel in Bushmills

Der Bus fährt pünktlich vor, und so sehen nur jene aus unserer Gruppe, die sich als erste „Fuhre“ von Alex im Dingi von der außerhalb des kleinen Yachthafens ankernden „Thalassa“ zum Festland befördern ließen, zumindest ein kleines Stückchen des Städtchens, das auf irisch Baile an Chaisleáin heißt. An diesem Namen würden sich unsere Zungen verbiegen, die Tag für Tag ein munteres Sprachgewirr bilden: Hochdeutsch, das wiederum je nach Herkunft rheinisch oder östlich eingefärbt ist, ferner ein Schwäbisch, das um so breiter wird, je weniger „Auswärtige“ um Andreas und mich sind, Wienerisch, Tiroler Dialekt und last but not least Schwyzerdütsch, das wir zwei „Schwaben“ als Abkömmlinge vom Stamme der Alemannen noch am besten verstehen. Unsere „babylonische Gruppe“ startet zur Vorsicht also „in Ballycastle“ statt in dem unaussprechlichen „Baile an Chaisleáin“ und genießt wortkarg, da sehr beeindruckt, die Schönheit der Landschaft entlang der Straße, die rechterhand den Blick auf den Rathlin Sound und die etwas entfernt aus der See schimmernde Insel Rathlin ermöglicht.

Ein junger Guide geleitet uns über das gewaltige Areal der Old Bushmills Distillery, gefolgt von einer Kollegin, die immer und überall den Schluss der Gruppe bildet, was irgendwann doch an eine Massenverhaftung erinnert. Zu seinem Glück protzt unser Führer nicht mit der Behauptung, er führe uns durch die älteste Distillery Irlands – irgendeine oder irgendeiner der „wissenden  Whisk(e)ytouristen“ hätte ihn gewiss sofort mit dem Stichwort „Kilbeggan“ in ganz böse Verlegenheit gebracht.

Das anschließende Tasting ist ein weit größeres Erlebnis als die Distillery Tour. Sie wird so kompetent moderiert, dass ich vor lauter Abwechseln zwischen Zuhören und Probieren vergesse, auch den Namen des sachkundigen Kommentators zu notieren. Zu den zwei Blends Bushmills Original und Black Bush sowie den Malts Bushmills 10, 16 und 21 Years Old haben uns diese raffinierten Iren auch noch je einen Bourbon und einen Scotch neben das Probierset gestellt, damit wir anhand des Vergleichs auch wirklich merken, was das Besondere am Irish ist.

tl_files/img/studienreise/2014/Bushmills_Bushmills_Inn_Henning_Riecken_Joachim_Seidel_Michelina_Pecchillo.jpg

Ein Spaziergang bringt uns zu The Bushmills Inn, wo Dinner für uns serviert werden soll. Das „Schweizer Quartett“ Monika und Luzia, Michelina und Iwan bremsen unser Eintreten in den Vorhof des Restaurants ab: Wir sollen uns doch bitte mit ihnen darüber freuen, dass auf dem nahen Turm die Schweizer Fahne aufgezogen wurde. Dass die dort wohl nicht für unseren Vierer flattert, ist nebensächlich – wir freuen uns mit.

Gestärkt durch „Smoked Salmon Risotto“ und ein „Irish Stew“, über dem die Bedienung auf Wunsch mit einer fast bedrohlich großen Pfeffermühle hantierte, und einige Guinness wären wir fit genug für einen Rückmarsch zum Bus, doch dessen Fahrer hat vor der Tür geparkt und vereitelt unseren Fitnessplan. Also bleibt uns lediglich ein Frischluft-Stopp auf der Rückfahrt zum Hafen von Baile … von Ballycastle: Von dem White Park Bay Viewpoint aus blicken wir hinab auf Sandstrände und hinüber zu Basaltklippen und Portbraddan und bewundern schaudernd zwei Personen, die dort unten in schwindelnder Höhe über eine ganz schmale Hängebrücke auf ein Eiland gehen.

10. Juni: Ein Destillerien-Doppel auf Islay

Vor dem Islay Hotel in Port Ellen, in dessen Bar einige von uns nach sturmfreier Rückkehr in das „Gelobte (Schott-) Land“ am Vorabend noch einen Absacker genommen und den Landgang mit Bewegungsdrang begründet hatten – vor diesem Hotel also stehen wir uns beim langen Warten auf den versprochenen Bus die Beine in den Bauch. Als der endlich vorfährt, entschuldigt sich der Fahrer mit dem Hinweis auf die Schulkinder, die er zuvor noch befördern musste. Das hat natürlich Vorrang, und der Fahrer ist entschuldigt, zumal wir immer noch früh genug die Bruichladdich Distillery erreichen.

tl_files/img/studienreise/2014/Brennerei_Bruichladdich.JPG

„Big Jim“ McEwan sei leider nicht da, erfahren wir von Kate, aber die stopft uns an seiner Statt wie zum Troste überreich mit Informationen. Wir hängen beim Rundgang die Nasen sowohl in mash tuns wie in washbacks, wir stecken lutschfähig saubere Finger in zuvor natürlich aus dem Gärbottich heraus geschöpfte Würze und hören beim abschließenden Tasting auch einiges an Neuem über Gerste von Islay – wo Getreideanbau nicht üblich ist – im Allgemeinen und über die neuen Abfüllungen aus der Bruichladdich Distillery im Besonderen. Der ist auch noch ein Gesprächsthema beim Mittagessen – pardon: beim Lunch, den wir im Port Charlotte Hotel einnehmen.

Wir umfahren noch einmal, aber diesmal in Gegenrichtung, das Nordufer von Loch Indaal, weil unser zweites Ziel an diesem Tag dem ersten genau gegenüber liegt: Bowmore. Dort werden wir von Lynda begrüßt und unter ihre Fittiche genommen, was angesichts der zahlreichen anderen Besucher ein hohes Maß an Exklusivität ist. Wir haben auch Zutritt in einwarehouse und die Gelegenheit, unterschiedlich lang gereifte Destillate direkt „ab Fass“ probieren zu können. Fast überflüssig zu erwähnen, dass das Tasting hält, was die Führung versprach. Ebenso ist’s eigentlich unnötig noch anzumerken, dass der Distillery Shop vor allem den weiblichen Teil der Gruppe anzieht wie ein Topf Honig die Wespen. Der verlässt ihn allerdings überwiegend mit Waren zum Anziehen und Souvenirs, die früher oder später nur noch Staubfänger sind, während die Einkäufe der Männer wohl schon bald geleert sein werden.

Geplant war die Party nicht, die abends an Bord steigt. Nun – „Party“ ist vielleicht etwas übertrieben, aber ein sehr geselliges Beisammensein ist das allemal. Es bleibt nicht bei dem abends sonst üblichen Fachsimpeln über die Whiskys der an dem Tag besuchten Brennereien, es wird Privates ausgetauscht, aus dem täglichen Leben erzählt. Mitreisende wie Michaela und Tim, die mit Whisky handeln, oder Monika, die Gleiches tut und auf dieser Reise von ihrer Mitarbeiterin Luzia begleitet wird, oder Markus Heinze, der Glenfiddich Brand Ambassador, und auch Joachim „Joe“, der zwar in einem anderen Metier tätig ist, aber eine Internet-Seite mit seinem immensen Whisky-Wissen füllt – sie gelten in diesem Kreis als echte Whisky-Profis. Dass auch mancher der vermeintlichen Laien ein profundes Wissen über das von jeder und jedem geschätzte „Wasser des Lebens“ und schon mehr distilleries besucht hat als viele der selbsternannten „Whiskyspezialisten“, könnte auch jeder andere aus der Runde beweisen, seien das nun Andrea und Stefan, die im Jenbacher Whiskymuseum engagiert sind, sei’s der Barkeeper Henning oder Enrico, der Ex-Barkeeper und jetzige Beverage Manager, sei’s das reisefreudige Ehepaar Martina und Hartmut und das Schweizer Duo Michelina und Iwan oder Helmut und Andreas. Sie alle, die in den verschiedenartigsten Berufen tätig sind oder bereits den wohlverdienten Ruhestand genießen, eint die Liebe zum Whisky. Und die baut kontinuierlich Wissen auf.

tl_files/img/studienreise/2014/Iwan Wyser.JPG

Kaum haben wir das obligatorische, täglich mit dem gebotenen Ernst absolvierte Tasting des Inhaltes der ebenso obligatorisch von jeder besuchten Brennerei mitgegebenen „Probierflaschen“ (in Normalgröße!) beendet, steigt das Stimmungsbarometer auf immer neue Höchstwerte. „Hier genügt kein Zwerchfell mehr – hier brauchst du ein Riesenfell!“ – nicht von ungefähr fällt mir gerade jetzt dieses Bonmot eines längst verstorbenen Kollegen ein. Das Gelächter nimmt schließlich orkanartige Ausmaße an, als einige treffliche, aber stets liebevoll gemeinte Spitznamen publik werden. Es genügt, wenn die Betreffenden, keineswegs Betroffenen, heute wissen, wer als „Braveheart“ betitelt wurde und wer sich als „Mutter Theresa“ geschmeichelt fühlen durfte, wer mit „Loriot“ gemeint war und wer mit „Santa Lucia“. Dass ein emsiger, aber meistens erfolgloser Angler als „Schützer der Meere“ bezeichnet wurde, ist fast schon logisch …

11. Juni: Schlemmen auf Jura, Grillen an Bord

Wir hatten schon am Vorabend Jura erreicht, dort aber mangels ausreichender Wassertiefe ein Stückweit von der Insel entfernt ankern müssen. Gestern war das Dingi vertäut geblieben, heute muss Bootsmann Alex wieder in drei Fahrten jeweils höchstens sieben Insassen schaukelnd übers Wasser zum Whisky bringen. Jeder, die noch nie auf dieser „Insel des Rotwilds“, war, wähnt sich nun vielleicht in der Karibik: Palmen vor der Distillery!

tl_files/img/studienreise/2014/Die_Berge_von_Jura.JPG

Die Gruppe ist hier zu groß für eine Führung, also wird geteilt: Der kleinere Teil bleibt noch mit Rachel im Shop zurück; ihre Führung beginnt etwas später. Der Großteil kommt zu seiner Freude in den Genuss der „Manager Tour“. Dass der Manager gar nicht im Haus ist und daher von Manager Trainee Graham vertreten wird, tut der Sache keinen Abbruch: Mehr und besser als sein Vertreter hätte uns auch Michael Heads nur schwerlich informieren können. Von der Zusammensetzung des grit (61% grist, 27% husk, 12% flour) über die Gärdauer (54 Stunden) bis zum Preis für ein Sherryfass (1.000-3.000 £) bleibt keine Frage unbeantwortet, vom Brauen übers Brennen bis hin zum Reifen kein Arbeitsschritt versteckt. Eine perfekte Führung!

Für das Tasting, zu dem die Gruppe wiederum aufgeteilt wird, ist Rachel zuständig. Sie tischt Diúrachs’ Own, Prophecy und Tastival nicht nur auf und schenkt (großzügig) ein, sie erklärt – im besten Sinne dieses Wortes – jeden einzelnen dieser drei außergewöhnlichen Whiskys bis ins Detail. Dass wir sozusagen nebenbei noch einiges über die Brennerei selbst und über deren Geschichte erfahren, macht dieses Tasting zu einer Lehrstunde, die kaum noch zu toppen sein dürfte.

tl_files/img/studienreise/2014/Isle_of_Jura.JPG

Der Lunch im Jura Hotel gegenüber wird zur „Qual der Wahl“ zwischen allerlei Köstlichkeiten vom Buffet. Dass die Platten mit allerlei Meeresgetier immer zuerst „geputzt“ sind, ist nicht weiter verwunderlich: Das seafood ist perfekt zubereitet. Dann wird noch etwas Sonne genossen zwischen den Palmen. Immer mehr Besucher bringt die Fähre auf diese Insel. Wir entdecken ein Motorrad mit Aschaffenburger Kennzeichen – ein Paar aus dem unterfränkischen Landkreis hat Jura als Zwischenziel auf seiner Schottland-Tour ausgewählt. Eine gute Wahl.

Die „Thalassa“ umrundet die Südspitze der Insel Jura und fährt in den Sound of Islay ein. Jacob hält Nordkurs und wir fahren an Port Askaig vorbei bis Bunnahabhain. Das Dingi ist vertäut, denn wir werden den Abend an Bord verbringen. Jelle möchte das schöne Wetter nutzen und „bisschen grillen für euch“. Das „Bisschen“ entpuppt sich als allerlei Würste, Jakobsmuscheln nebst anderen Meeresfrüchten, Salaten … Die Damen schöpfen reichlich aus der eigens angesetzten Bowle, die Herren stärken sich mit Bier und Whisky, bevor sie erneuten Nachschlag holen beim unermüdlich grillenden Jelle. Ein „Tischgebet“ macht die Runde: „Herr, schenke mir einen größeren Magen, ich gebe Dir meinen Bauch dafür!“ Country & Western Music sorgt für die passende akustische Kulisse. Ein wunderschöner Abend.

12. Juni: Rarer Whisky bei Bunnahabhain

Am Kai von Bunnahabhain starren mehr Leute hinüber zu der „Thalassa“, von der das Dingi drei Mal nacheinander Besucher an Land bringt, als hinter sich auf die Distillery. Der Manager Andrew Brown begrüßt uns, zeigt uns die Brennerei bei einem ausführlichen Rundgang und leitet auch selbst das Tasting, das er mit einer Überraschung eröffnet: Der Darachùr Batch No 10 wird zwar nicht mehr hergestellt, aber wir können ihn dennoch verkosten. Es folgt der Toiteach, der „Tootsch“ ausgesprochen wird, dann ist ein Bunnahabhain XVIII an der Reihe und zum – guten – Schluss wird noch der17-Jährige des Hauses zu Tisch gebracht, der mit immerhin 53,4% daherkommt.

tl_files/img/studienreise/2014/Gruppe_Studienreise_2014.JPG

Statt Mittagessen gibt es Brunch an Bord, und die „Thalassa“ nimmt umgehend Fahrt auf: Es ist ein langes Stück Wegs erst südwärts zurück durch den Sound of Islay, dann hinein in den North Channel dort, wo der in den Atlantik übergeht, vorbei an der Südspitze von Kintyre und hinein in den Kilbrannan Sound, bis endlich der Hafen von Campbeltown erreicht ist. An diesem Abend bleibt niemand auf dem Schiff: Das Eröffnungsspiel der Fussball-WM treibt alle an Land auf der Suche nach einem Pub mit Fernsehapparat. Wir, heißt: eine Mehrheit, laufen erneut in The Feathers Inn ein und sehen mit an, wie Brasilien Kroatien mit drei Toren gegen ein Tor besiegt. Es wird noch ein höchst vergnüglicher Abend: Eine sturztrunkene Einheimische erregt Heiterkeit und einer jungen Dame aus unserer Gruppe wird von einem reiferen Schotten quasi ein Heiratsantrag gemacht…

13. Juni: Springbank bietet zahlreiche „Extras“

Melanie ist ein strenger Guide. Sie will ständig die vollzählige Gruppe um sich haben und holt „Ausreißer“ umgehend zurück. Das ist ein schwieriges Unterfangen, weil es bei der Tour durch die Springbank Distillery so vieles zu sehen gibt, was anderswo gar nicht existiert. Diese Brennerei, die älteste unter denen in Schottland, die noch in Familienbesitz sind, mälzt noch selber, und während sich die einen „Studienreisenden“ gern länger mit diesem Thema befassen würden, zieht es andere zu jenen drei Schautafeln, auf denen die Destillationsverfahren der drei hier erzeugten Whisky-Marken dargestellt sind: Longrow wird auf übliche Art zweifach destilliert – Springbank zweieinhalbfach – Hazelburn dreifach. Das will näher betrachtet werden.

tl_files/img/studienreise/2014/Glengyle_Brennerei.jpg

Wo wir nun schon einmal auf dem riesigen Areal sind, schauen wir auch noch in die Glengyle Distillery hinein, bevor wir uns zum Tasting niedersetzen, bei dem zusätzlich „Unterlagen“ auf einem Extratisch bereitstehen. Klasse Service! Wir degustieren einen Hazelburn 12 yo, Kilkerran Sherry Wood 10 yo, danach den gleichaltrigen Springbank und schließlich einen – peated – Longrow, der in Sherry- und Bourbonfässern gereift ist.

Warum haben es denn alle so eilig? Warum drängt Jacob auf’s Ankerlichten und zur raschen Fahrt nach Troon, jenem Hafen, in dem wir vor sechs Tagen an Bord gegangen sind? Heute Abend spielen die Niederlande gegen Spanien. Dieses Spiel zu sehen ist natürlich ein Muss für die niederländische Crew, aber an Bord nicht möglich. Vor dem Landgang steht allerdings das „Captain’s Dinner“ an, denn heute ist der letzte Abend und der Brauch verlangt dieses traditionelle Mahl. Jelle verrät, dass es ihm gelungen ist, 25 Kilo Riesengarnelen zu ergattern, frische! Kein schlechtes Verhältnis, 25 Kilo für 21 Passagiere und eine sechsköpfige Crew. Jelle, der uns auf unserer Reise mit seinen Kreationen häufig überrascht, aber niemals enttäuscht hat, gibt auch bei diesem letzten gemeinsamen Essen sein Bestes.

tl_files/img/studienreise/2014/Joachim_Seidel_Martina_Graebner.JPG

Jacob gibt den Pessimisten, will nicht an einen „Oranje“-Sieg glauben und wettet leichtsinnigerweise. Er werde eine Flasche seines Lieblingswhiskys aus eigenem Bestand spendieren, falls seine Mannschaft wider Erwarten doch gewinne, verspricht er. Dann ist die Crew fort zum Fernsehen, einige wenige von den Passagieren im Schlepptau. Wir Zurückgebliebenen machen es uns im Salon gemütlich, lassen in Gedanken diese Reise Revue passieren, lachen viel und verfallen von Zeit zu Zeit in leichte Wehmut bei dem Gedanken, dass wir uns in wenigen Stunden wieder in alle Himmelsrichtungen zerstreuen werden.

tl_files/img/studienreise/2014/Crew_MS_Thalassa.JPG

Jacob, seine Crew und die anderen Fernsehgucker sind zurück, ihr Auftreten entspricht dem 5:1-Sieg der niederländischen Elf. Von Michaela erinnert, rückt Jacob seine Flasche heraus – und der Abend zieht sich hin. Was zuvor schon beschlossen wurde, wird noch einmal bekräftigt: Irgendwann in nicht allzu ferner Zeit wird sich diese ganze Reisegruppe an einem zentralen Ort treffen. Dann werden wir Wiedersehen feiern, Whisky trinken und über die Tage plaudern, an denen uns die „Thalassa“ übers Wasser zum Whisky brachte. Besser als mit diesem Vorhaben lässt sich nicht ausdrücken, wie gelungen die Reise war.